Digitaler Unterricht Home-Office

My home is my castle – und jetzt auch Büro und Klassenzimmer

Die gegenwärtige Krise durch COVID-19 trifft Menschen, Unternehmen und Länder weltweit mit aller Härte, aber darin verbergen sich auch für Deutschland Chancen. Schulen, Firmen und Marktforschungsinstitute sind jetzt dazu gezwungen neue digitale Techniken zu erproben und Wege zu gehen, die vor wenigen Wochen noch undenkbar schienen. Home Office und digitaler Unterricht, diese beiden in Deutschland eher utopischen Wörter, werden mit einem Schlag für viele Menschen zum Alltag. In diesem Prozess fördert das Virus viele persönliche und universelle Themen ans Licht: Menschlichkeit, Verletzlichkeit, Ängste, Stärken und Schwächen. Ich zweifele an dem idealistischen Gedanken, dass die Krise die Menschen plötzlich einen wird, wie man dieser Tage oft liest, aber das Nachdenken und Reflektieren, Handeln und Anpacken wird niemandem von uns erspart bleiben, weder auf individueller noch wirtschaftlicher Ebene.

Arbeitest Du noch oder homeofficest Du schon?


Ganz Deutschland staunt zurzeit über den digitalen Wandel, der sich aktuell aufgrund von – natürlich – COVID-19 im Land vollzieht, und das schneller als der Comicheld Flash auf Speed ist (oder sein würde?), wie das Internet die Situation anschaulich metaphorisiert. Aus diesem Grund habe ich mich für meinen monatlichen Text für einen unterhaltsamen Einblick in eine Situation entschieden, die jetzt (auch) mich doppelt betrifft, denn als Auszubildende kämpfe ich seit zwei Wochen an gleich zwei digitalen Fronten: dem Home Office und der Berufsschule. Meine Hilfsmittel der Stunde sind also nicht mehr Locher und Füller, sondern VPN-Server und Laptop – und ein Meer aus Browserarten und Konferenztools. Die Fragen, die ich mir jeden Tag stelle, sind nicht mehr „Wird meine S-Bahn heute pünktlich sein?“ und „In welchem Klassenzimmer habe ich heute Morgen Unterricht?“, sondern „Welche Ecke meines Zimmers kann ich Lehrern, Klassenkameraden und Kollegen relativ ungefährdet präsentieren?“ und „Baut auch Rekordtippen die Kalorien einer Tafel Schokolade wieder ab?“.

Verletzlichkeit, wohin man blickt

Jetzt könnte man meinen, die aktuellen Fragen, die ich mir stelle, sind weniger wichtig oder relevant, aber ich finde das stimmt nicht, denn die Krise, die wir gerade alle gemeinsam durchmachen, zeigt und macht uns vor allem das Eine bewusst: Unsere menschliche Verletzlichkeit, die nun an allen Ecken und Enden durchscheint. Das beginnt bei den Hamsterkäufen, die bereits zu Beginn der Pandemie deutlich gemacht haben, dass wir unseren Verstand nicht immer kontrollieren können, sondern es auch Phasen gibt, in denen wir von nackter Existenzangst getrieben werden. Wir bewegen uns normalerweise, wenn wir am Morgen das Haus verlassen, um zur Arbeit, zur Schule etc. zu gelangen, in einer von uns sorgfältig organisierten und strukturierten Blase, die viele Aspekte von dem, was uns ausmacht, verbirgt. Das mag bei dem Einen weniger, bei dem Anderen mehr und manchmal auch gar nicht der Fall sein, aber was für ein Mensch wir wirklich sind, wie wir leben, wie unsere Sorgen und Ängste aussehen, davon ahnen Klassenkameraden, Lehrer, Kollegen sowie Kunden in der Regel wenig – und fremde Menschen schon gar nicht. Seit das ganze Land – soweit möglich – solidarisch gemeinsam von zu Hause aus zu arbeiten scheint und sich Videokonferenz an Videokonferenz reiht, können wir von uns selbst weniger verstecken – und das ist gut so. Lediglich hier und da vernimmt man Gerüchte, dass manch einer wahrhaft kunstvolle Kulissen am Ort der virtuellen Begegnungsstätte errichtet, um wenigstens ein kleines bisschen Scheindasein aufrechtzuerhalten. Vielleicht finden einige von uns in der Krise ihre wahre Berufung und ist unser Land nach CODVID-19 um einige Bühnenbildner reicher. Die Mehrheit gibt sich zum Glück aber scheinbar unverstellt und offen.

Es ‚menschelt‘ im Angesicht der Krise

Obwohl uns plötzlich räumlich so viele Kilometer voneinander trennen, bekommt man doch das Gefühl, dass man vielen Menschen näherkommt, sogar näher als im Büro, das man sich sonst miteinander teilt. Freilich, von manchen Kollegen entfernt man sich jedoch vielleicht auch (dankend) weiter. Nichtsdestotrotz: Unsere Arbeitswelt erfährt im Moment eine Art Intimisierung, die in meinen Augen unbedingt nutzen sollte, wer diese Nähe zulassen möchte. Auf menschlicher Ebene ist es sicher kein Verlust, wenn auf einmal das Kind entscheidet ins Heimbüro zu platzen und den Kollegen auf dem Bildschirm zuzuwinken, wenn der Hund oder die Katze während des Geschäftsmeetings im Hintergrund des Videos auf den Teppich kotzt oder man den sonst immer durchgestylten Kollegen plötzlich in Schlabberpullover oder Sportkleidung erlebt, weil er in der Mittagspause zum Pilates will. Virtuell natürlich. Vielleicht entstehen während dieser Phase neue Geschäftskontakte oder intensivieren sich bestehende Geschäftsbeziehungen, denn auch Nahbarkeit kann ein effektives Instrument für Marketing und Kundenbindung sein. Ich zumindest finde das ‚Menscheln‘, das wir COVID-19 verdanken und das sich nicht nur auf die Geschäftswelt beschränkt, sehr sympathisch. Ich hoffe, dass es die vielen negativen Begleiterscheinungen und tragischen Schicksale, die sich gerade überall auf der Welt ereignen und die uns auch nach überstandener Krise noch länger begleiten werden, als Gegengewicht ein wenig ausbalanciert. Die überwiegende Solidarität, die zwar zwischenzeitlich beim Toilettenpapier endet, insgesamt aber doch überall zu spüren ist, zeigt mir, dass die Menschen und mit ihnen ganze Länder und Regierungen größtenteils durchaus können, wenn sie müssen und wollen. Warum warten wir bei so vielen Dingen immer erst, bis wir sie notgedrungen in die Hand nehmen müssen, obwohl die Möglichkeiten an sich bereits vorher bestanden?

Home Office? Digitaler Unterricht? Läuft eigentlich, aber es ruckelt im Getriebe

Ich für meinen Teil kann nämlich eigentlich behaupten, dass sowohl die Arbeit im Home Office als auch der digitale Berufsschulunterricht in Anbetracht der plötzlich eingetretenen Umstände gut funktionieren. Natürlich ist vieles nicht perfekt. In den ersten Videokonferenzen mit Fachlehrern mussten einige virtuelle Hürden genommen werden, da der konventionelle deutsche Unterrichtsstil ein paar Anpassungen erfordert: Wie sollen Wortmeldungen angezeigt, wie können gemeinsam Dokumente durchgegangen, wie Lösungen verglichen werden? An dieser Stelle soll keine Schleichwerbung stehen, aber auch diese Hindernisse lassen sich mit dem passenden Konferenztool pragmatisch genug angehen, sodass zumindest die wichtigsten Fragen von Angesicht zu Angesicht beantwortet werden können. Der Wille, Probleme aktiv zu lösen, spielt auch hier aktuell eine große Rolle. Sicherlich gibt es noch Optimierungsbedarf, dessen Umfang von Schule zu Schule und Arbeitgeber zu Arbeitgeber in Hinblick auf die technische Ausstattung variieren wird. Während viele Konferenztools mit ihren Möglichkeiten z.B. eher auf die Erfordernisse von Meetings und Konferenzen zugeschnitten sind, fehlt es an speziellen Softwarelösungen, die umfangreichen digitalen Unterricht ermöglichen und beispielsweise eine hohe und vor allem konstante Ton- und Bildqualität mit auch einmal mehr als 10 Teilnehmern gewährleisten.

Digitale (Lern)Wüste Deutschland

Besonders in Hinblick auf die Geschwindigkeit von Internetzugängen, den Ausbau der digitalen Netzinfrastruktur und die Investitionen in digitale Weiterbildungsmaßnahmen zeigen sich hier deutlich die Versäumnisse, die Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten angehäuft hat. Auch an mir sind schon einmal entscheidende Sätze vorbeigegangen, weil das im Standbild eingefrorene Gesicht des Klassenkameraden zum Schmunzeln einlädt oder die Tonspur aussetzt. Der Fachbereich meiner Berufsschule ist mit einer Onlineplattform für digitales Lernen und technisch versierten Lehrkräften den Anforderungen der aktuellen Situation zwar relativ gut gewachsen, aber von Freunden und anderen Familienmitgliedern mit Kindern weiß ich auch Anderes zu berichten. Dort können ganze Fächer kaum noch unterrichtet werden, weil es der entsprechenden Lehrkraft an medialer Kompetenz fehlt und der Unterricht nur umständlich via E-Mail geführt werden kann bzw. sich dort auf die Verteilung von Arbeitsblättern beschränkt – wenn überhaupt. Wer im heutigen Zeitalter kein Smartboard bedienen kann und sich nicht mit Internet und Office-Paketen auskennt, weil in der Schule keine entsprechenden Weiterbildungen und Infrastrukturen zur Verfügung gestellt werden (können), der muss an digitalem Unterricht zwangsläufig scheitern.

Digitale Weiterbildung als Einzel- und Kollektivaufgabe

Besonders Lehrkräfte sind allerdings auch persönlich gefordert. Im 21. Jahrhundert Pädagoge zu sein und junge Menschen auf die Berufs- und Studienwelt vorzubereiten, bedeutet, sich mit den sich wandelnden Anforderungen dieser auseinandersetzen zu müssen – stetig. Hierzu zählt auch das Erwerben digitaler Kompetenzen, unabhängig vom eigenen Alter und Vorbildungsstand. Natürlich hofft niemand auf eine weitere – wie die durch COVID-19 hervorgerufene – Krise in den nächsten Jahren, aber wenn wir die Qualität und die Vorzüge des deutschen Bildungssystem erhalten und ausbauen wollen, müssen gerade in diesem Bereich dringend mehr Investitionen getätigt werden. Wie unser Land in der Zukunft ‚dastehen‘ wird, hängt von den Menschen ab, die aktuell die Klassenräume deutscher Schulen bevölkern (oder eher, nicht bevölkern). Ich möchte mit dem Gesagten jedoch – gerade in der aktuellen Situation – keine direkte Kritik an Lehrern und Lehrerinnen üben, die für die angesprochenen Problematiken keineswegs hauptverantwortlich sind. Was diese gegenwärtig leisten, indem sie Unterrichtsmaterialien digitalisieren, neue Unterrichtskonzepte entwerfen und neue Unterrichtsmethoden erproben, und das alles in Rekordgeschwindigkeit, von zu Hause aus, in ständig wechselnder Kommunikation mit Schule und Behörden, mit Kindern, Ehepartnern und ggf. weiteren Familienangehörigen im Hintergrund – auch dem gebühren Respekt und Anerkennung.

Schule oder Unternehmen – wer gewinnt das digitale Wettrennen?

Mit der Problematik, die gerade viele Schulen beschäftigt, kämpfen zurzeit auch Unternehmen, die es bisher versäumt haben und für die es zwingend erforderlich gewesen wäre, sich dem digitalen Umbruch der letzten Jahre anzuschließen. Auch hier sind besonders ältere Arbeitnehmer mit wenig(er) Digitalkompetenz im Nachteil. Viele Unternehmen hingegen, die mit z.T. digitalen Produkten und Dienstleistungen arbeiten, wie z.B. in der Marktforschung, sind deutschen Schulen weit voraus. Ich habe das Glück in einer solchen Branche tätig zu sein, die sich seit Jahren um digitalen Anschluss, neue Methoden und Kompetenzfelder bemüht und kann soweit festhalten, dass sich die täglichen formalen Anforderungen des Berufsalltags in der Marktforschung in meinen Augen fast ohne Einschränkungen auch im Home Office bewältigen lassen und lediglich von kleineren oder größeren Internetturbulenzen ausgebremst werden – Stichwort digitaler Netzausbau. Natürlich fehlt gerade in der aktuellen Isolation der direkte und spontane Austausch mit Kollegen, aber auf dem Firmenserver und in den entsprechenden Softwareprogrammen kann via VPN-Zugang gearbeitet werden, Notebooks, Drucker, Telefon und Internetzugang kann der Arbeitgeber bei Erfordernis zur Verfügung stellen und Teammeetings können ebenso gut über Videokonferenztools abgehalten werden. Die nicht unbedeutende dynamische Kommunikations- und Arbeitssituation, die im Büro besteht, bleibt im Home Office zwar zwangsläufig auf der Strecke und durch die räumliche Trennung werden alle Arbeitsprozesse etwas unflexibler und langwieriger, aber in der Regel ist von Unternehmen, die Home Office anbieten, sicher auch nicht angedacht, dass die gesamte Firma 40 Stunden pro Woche vom heimischen Sofa aus arbeitet.

Die Marktforschungsbranche muss digitalen Umbruch weiter vorantreiben

Doch auch, wenn die Auftragslage in der Marktforschung stark an konjunkturelle Schwankungen gebunden ist und die Stimmung deshalb momentan insgesamt in vielen Instituten und Studios nicht rosig ist, gibt es in der Branche noch größere Verlierer: Institute und Studios, die sehr viel Forschung mit direktem Menschenkontakt betreiben und noch keine Möglichkeit gefunden oder überhaupt in Betracht gezogen haben, diese Forschung in digitale Strukturen zu überführen. An eine Viruskrise hat bis vor wenigen Wochen zwar sicherlich noch niemand gedacht und das kann man auch keinem Menschen vorwerfen, aber die momentane Situation zeigt ganz deutlich, dass eine national solide ausgebaute Digitalstruktur eine Wirtschaft ggf. vor dem totalen Kollaps bewahren kann. Unter diesem Gesichtspunkt sollte auch die Marktforschung ihre Lehren aus der gegenwärtigen Krise ziehen und sich in Zukunft weiter darum bemühen, bestehende Onlinemethoden zu halten und neue zu etablieren. Einzel- und Experteninterviews und Fokusgruppen lassen sich zwar nicht gänzlich ohne qualitative Verluste online durchführen, da besonders Gruppendiskussionen von der jeweiligen Interaktionssituation leben, in der sich die Teilnehmer miteinander befinden, aber letztendlich ist es immer noch besser eine Gruppendiskussion online durchzuführen als sie abzusagen. Ich bin mir sicher, dass sich – mit wenigen Ausnahmen, wie z.B. bei aufwendigen Verfahren der Zufallsauswahl – für Situationen wie die Gegenwärtige für fast alle Methoden digitale Alternativkonzepte entwickeln lassen. Auch kleinere Institute sollten hierfür Möglichkeiten zur Umsetzbarkeit prüfen, denn am Ende handelt es sich bei allen Onlineangeboten auch um zusätzliche Services, die sowohl potenziellen Kunden als auch Probanden entgegenkommen.

Digitalisierung als Chance für uns alle

Wir alle sollten die gegenwärtige Situation als Weckruf betrachten. Für die Zukunft ist wichtig, dass – wo möglich – digitale Ressourcen geschaffen werden, um Krisen möglichst souverän begegnen zu können. Dass flexible Arbeitszeiten und ein oder zwei feste Home Office-Tage pro Woche bereits länger der Schlüssel zu mehr Gleichberechtigung, Lebensqualität und Attraktivität als Arbeitgeber sind, sollte heutzutage sowieso kein Geheimnis mehr sein. Und landein, landauf würde sicher so mancher Schüler aufatmen, wenn er in fernerer Zukunft vielleicht nicht mehr 60 Minuten Anfahrtsweg zur Schule auf sich nehmen muss, weil die Einzugsgebiete im ländlichen Raum immer größer werden, oder wenn er nicht mehr in einem Klassenraum mit 30 Mitschülern eingepfercht ist, von denen er täglich gemobbt wird. Die Digitalisierung kann uns allen mehr Lebensqualität ermöglichen, wenn wir sie gemeinsam bewusst, reflektiert und effektiv zu nutzen lernen. Gelingt dies, verlieren sogar Viruspandemien einen großen Teil ihres wirtschaftlichen Schreckens.


Bildquelle: https://pixabay.com/de/photos/online-nat%C3%BCrlic...

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